Die Nachbarschaft

Nach der massiven Explosion im August, die Beirut schwer zeichnete, hat der Wiederaufbau begonnen. Seitdem entdecken Architekten, Stadtplaner und Bewohner ihre Stadt völlig neu.
Stadtplaner durch Beirut, um zu entscheiden, welche Gebäude man rettet und welche nicht zu retten sind. Es ist ein Wettlauf gegen Immobilienhaie und den Regen.
Von der besonderen Widerstandskraft der Libanesen wollen die Leute zwar nichts mehr hören. Doch es ist bemerkenswert, wie rasch in die Gegend um den Hafen von Beirut, die am 4. August von einer massiven Explosion zerstört worden ist, das Leben zurückkehrt. Der Bäcker Paul hat neue Fenster. Zwei Restaurants die Straße runter haben sogar Gäste. Den ganzen Tag hört man es hämmern, bohren und sägen aus den Häusern an der Gouraud Street, auf der fast wieder so viel Verkehr herrscht wie früher, jäh gestoppt nur von den Überresten eines Hauses, die sich auf die Straße ergossen haben, wo sie sortiert worden sind in große Sandsteine und verzierte Kapitelle hier und unbrauchbaren Schutt dort.

Wenn es dämmert, kommt die Armee. Soldaten springen von Pritschenwagen und beziehen ihre Stellungen, etwa alle hundert Meter einer, um die Gegend vor Plünderern zu schützen. In einer Seitenstraße hinunter zum Meer trotzt ein Mann auf seinem Balkon der aufziehenden Dunkelheit mit einer Glühbirne und einem Pinsel, mit dem er die Fensterrahmen grünstreicht. Es hat nicht lange gedauert, bis nach der Explosion an manchen Fassaden der schwer getroffenen Häuser von Mar Mikaël rot-weiße Banderolen auftauchten, auf denen in drei Sprachen, damit es auch jeder begreift, zu lesen steht: „We will never leave, we will rebuild“.

Sorge vor Gentrifizierung

Denn Angebote von Investoren, die zerstörten Häuser zu kaufen, gab es sofort nach der Katastrophe. Mit ihnen flammte die Sorge vor Gentrifizierung und dem Verlust einer Gegend auf, die mit ihren Handwerkern und Werkstätten, mit ihren Bars und Restaurants, Modeateliers, Designstudios und Co-WorkSpaces einen schönen Gang durch die Geschichte bot und vielleicht das freundlichste Gesicht der Stadt zeigte. Doch der Gouverneur von Beirut ließ nur wenige Tage nach der Explosion verlauten, er werde nicht eine einzige Genehmigung zum Abriss unterschreiben. Und tatsächlich ist es in der für libanesische Verhältnisse rekordverdächtigen Zeit von nur wenigen Wochen gelungen, ein Gesetz auf den Weg zu bringen, das die vier am schwersten betroffenen Viertel vor der endgültigen Zerstörung bewahren soll, indem es Bewohnern und Besitzern ein wenig Zeit zum Reparieren und Wiederaufbauen verschafft. Das Gesetz verbietet sämtliche Immobilientransaktionen innerhalb der nächsten zwei Jahre. Außerdem verlängert es alle Mietverträge automatisch um ein Jahr.
Auch finanzielle Unterstützung verspricht das Gesetz, insgesamt 1500 Milliarden libanesische Pfund. Je nach Wechselkurs, den man zugrunde legt, sind das umgerechnet etwa 995 Millionen Dollar (offizieller Wechselkurs) oder nur 185 Millionen Dollar (zum Kurs des Schwarzmarktes). Doch abgesehen davon, dass man gar nicht weiß, woher der bankrotte Staat so viel Geld nehmen soll, sind beide Summen ohnehin ein gutes Stück niedriger als jene, die von der Weltbank nach einer ersten, sehr schnell erfolgten Schätzung ins Spiel gebracht worden ist: Auf zwei Milliarden Dollar bezifferte sie den Schaden, der durch die Explosion allein an Gebäuden entstanden sei. Insgesamt sollen 6000 bis 8000 Häuser betroffen sein. Die Druckwelle hat Türen aus den Angeln gerissen, Scheiben zerspringen und Balkone herunterbrechen lassen. Kilometerweit fegte sie Fensterrahmen, Fassadenteile und Dachziegel hinweg und ließ Häuser mit riesigen Löchern zurück, die nun von Plastikplanen bedeckt sind wie von großen Pflastern.

In kurzer Zeit haben sich Dutzende NGOs zusammengeschlossen und Kontakte zu internationalen Organisationen aufgenommen, etwa zur Unesco, die finanzielle Hilfe versprochen hat. Man versucht zu retten, was zu retten ist. Man versucht auch zu verhindern, dass sich die Geschichte von „Solidere“ wiederholt, der Firma des früheren Ministerpräsidenten Rafik Hariri, die nach dem Bürgerkrieg den alten Souk zerstörte und mit ihm das Zentrum der Stadt zu Tode gentrifizierte. Doch natürlich ist jedem klar, dass vieles nicht zu retten sein wird. Zu groß ist das zerstörte Gebiet. Und zu bescheiden sind die monetären Möglichkeiten des Libanon, der ja nicht nur mit den Folgen der Explosion, sondern auch mit einer nie dagewesenen Wirtschaftskrise kämpft, die von dem virusbedingten Lockdown noch verschlimmert wurde. Mehr denn je drängen Architekten und Stadtplaner deswegen auf einen neuen „Masterplan“ für Beirut, auf so etwas wie eine echte Stadtplanung, die es bislang nicht gibt. Ein solcher Plan müsste endlich verhindern, dass jeder überall baut, was er möchte. Und er müsste die Besonderheiten einzelner Viertel berücksichtigen, vor allem jener, die nun auf ihren Wiederaufbau warten.

Die Architekten suchen daher nicht nach einzelnen Gebäuden, die sie schützen wollen. Vielmehr nehmen sie Umgebungen in den Blick und schauen auf nachbarschaftliches Gefüge. Auf diese Weise geraten neben den traditionellen Sandsteinhäusern erstmals auch Gebäude in den Fokus der Öffentlichkeit, die bislang nicht zum kulturellen Erbe der Stadt zählten, weil sie weder aus osmanischer noch aus der französischen Mandatszeit stammen. Unter Denkmalschutz fiel nur, was vor 1943 entstanden ist. Doch nun ist es zum ersten Mal gelungen, auch ein Gebäude der Moderne unter Denkmalschutz zu stellen: das Hauptquartier des staatlichen Stromversorgers, dessen Leuchtschrift „Électricité du Liban“ schon vor der Explosion meist ausgefallen war, was ein schönes Symbolbild für die miserable Stromversorgung im Land bot. „Das war ein Sieg für uns“, sagt Charbel Maskineh, der Stadtplaner, der sich als Mitglied des „Arab Center for Architecture“ seit Jahren um die Architektur der Moderne bemüht. „Es ist nicht alles schlecht im Moment.“

Gleich am ersten Tag nach der Explosion, die ihn selbst leicht verletzt hat, lief er mit seinem Stadtplan durch die Gegend, begutachtete Schäden und wählte Häuser wie beispielsweise die Nummer 21 an der Pasteur Street aus. Ein ehemals ockerfarbenes, nun mit einer schwarzen Rußschicht überzogenes Gebäude mit einer geschichteten Balustrade, Fensterläden aus Zedernholz und abgerundeten Treppenabsätzen. In ihm wurde der erste Schindler-Aufzug von Beirut montiert. Er war eine Attraktion, und die Menschen kamen von weit her, um mit ihm hinauf und wieder hinunter zu fahren. „Beirut besteht zu achtzig Prozent aus modernen Häusern“, sagt Maskineh. „Nicht alle von ihnen sind architektonisch bedeutsam, aber alle haben eine Geschichte zu erzählen.“ Um möglichst viele von ihnen zu retten, ist ihm deswegen wichtig, dass die von ihm ausgewählten Gebäude strategisch gut liegen. Am besten neben einem Parkplatz oder einer anderen unbebauten Fläche, die das Interesse von Immobilieninvestoren auf sich ziehen könnte. „Auf diese Weise bewahre ich nicht nur ein Haus vor der Zerstörung, sondern eine ganze Nachbarschaft.“

Hier findet das öffentliche Leben statt

Er hat Mieter getroffen und mit Vermietern telefoniert, die von ihm oft zum ersten Mal hörten, was für wertvolle Gebäude sie eigentlich besitzen. Vielen Libanesen sind die vierziger bis siebziger Jahre zwar als „Trente Glorieuses“ in nostalgischer Erinnerung geblieben. Als eine Zeit der Unabhängigkeit, Experimentierfreude und des Wohlstandes, in der die gegenwärtig drängenden Fragen nach der konfessionellen Identität noch nicht so wichtig waren. In der Dalida und Louis Armstrong im Casino du Liban sangen. Herbert von Karajan die Berliner Philharmoniker in den Tempeln von Baalbek dirigierte. Oscar Niemeyer im Norden des Landes ein Messegelände baute. Und die ersten Mercedes, Renaults und Chevrolets in die Stadt rollten, die noch immer als alte Rostlauben unterwegs sind und wunderbar passen zu der vom Zahn der Zeit angenagten Architektur der Moderne, der man die Anerkennung als stilbildende Epoche trotzdem bislang verwehrte. Erst jetzt, wo so vieles von ihr zerstört worden ist, wendet sich das Blatt. Und Charbel Maskineh schreibt fleißig mit an einem Handbuch, das erläutern soll, worauf beim Wiederaufbau besonders zu achten ist.

Die größten Löcher klaffen meist in jenen alten Häusern, die mit ihren drei Bogenfenstern und dem pyramidenförmigen Dach aus roten Ziegeln als typisch für den Libanon gelten. Manche stammen noch aus osmanischer Zeit. Ihnen galt zunächst die größte Sorge. Weil sie aus Sandstein gebaut sind und kleine Hohlräume aufweisen, ist die Druckwelle wie ein böser Geist bis in ihre feinsten Ritzen gefahren und hat sie aufplatzen lassen. Dachziegel, die gewöhnlich lose auf Holzsparren lagen, flogen durch die Luft. Tragende Balken zerbrachen. Es gibt nicht mehr viele von diesen Häusern, deren Bauweise der traditionellen Architektur der venezianischen Küste ähnlich ist, aber auch Einflüsse aus dem Libanongebirge erkennen lässt, die von maronitischen und griechisch-orthodoxen Migranten in die Stadt getragen wurden. Allein in der roten Zone, die sich rund einen Kilometer um den Hafen zieht, sind Schätzungen zufolge mehr als 390 von ihnen beschädigt. Vierzig drohen noch immer einzustürzen. Sie müssen gestützt und abgedeckt werden, bevor der Winter mit seinen Sturzregen und Gewittern kommt.

Man versucht zu retten, was zu retten ist

Wie üblich im Libanon, dessen staatliche Institutionen durch Korruption und Misswirtschaft schwach geblieben sind, springt auch in dieser Not mit ungeheurer Energie die Zivilgesellschaft in die Bresche. Seit Wochen rennen Architekten, Restaurateure und Ingenieure durch die Straßen, klettern in wackelige Häuser, begutachten Risse, retten Marmorsäulen und Türen aus türkischem Zedernholz. Sie machen Fotos von hölzernen Dachstühlen und Gewölben in uralten osmanischen Villen. Professoren schicken ihre Studenten nach Mar Mikaël und Gemmayze, wo sie jede einzelne Treppenstufe vermessen und Grundrisse zeichnen. Alle arbeiten freiwillig, niemand bekommt einen Cent. Selbst Gerüstbauer und Bauunternehmer, die eilig gekommen sind, um Wände zu stützen und Dächer zu decken, nehmen nur das Mindeste von dem, was sie verlangen könnten. Man kennt sich oft schon lange.

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