Schnappschüsse aus dem Alltag im Libanon

picsEr galt als einer der talentiertesten Fotografen Deutschlands, doch seine Karriere fand im Alter von nur 37 Jahren ein tragisches Ende: 2005 wurde der Braunschweiger Fotograf Nikolaus Geyer in einem Hotelzimmer in Köln getötet. Bei dem Mord spielten auch Fotogeschäfte des jungen Künstlers eine Rolle. Eine Ausstellung in der Außenstelle Hamburger Straße 267 des Museums für Photographie Braunschweig widmet sich derzeit dem Schaffen Geyers.

Im Mittelpunkt stehen dabei Aufnahmen aus dem Libanon, die Nikolaus Geyer Ende der 90er Jahre als junger Fotografie-Student gemacht hatte. Mehrere Monate war er durch Beirut gezogen und dabei gelangen ihm intime Schnappschüsse aus dem libanesischen Alltag: Straßenszenen, Menschen in persönlichen Momenten und Gebäude, denen man die Spuren des langen Bürgerkriegs in dem Nahost-Staat noch ansah. Das Ergebnis war eine Bilderserie für seine Abschlussarbeit, die er “Weder Freund noch Feind” nannte – ein Titel, den auch die aktuelle Ausstellung trägt. Doch Geyer bekam für seine Bilder auch die Schillernden und Mächtigen des Landes vor die Linse: Generäle etwa oder reiche Ausländer, die im Libanon lebten. Eines der bekanntesten Fotos ist dabei das des deutschen Botschafters in Beirut, der darauf scheinbar thronend von seinem Balkon über die Stadt blickt. Fernab auf der linke Seite: Seine Frau, die das gemeinsame Baby im Arm hält und sich von ihrem Mann abwendet. Der Botschafter hatte sich später von dem Bild distanziert.

Von Tokio ins Traumland
Neben der Original-Abschlussarbeit Geyers und einer digitalen Version können Besucher der Ausstellung anhand von Fotos auch an der Entstehung der Motive teilhaben: Sie zeigen den Fotografen bei der Arbeit und im Gespräch mit seinen menschlichen Motiven, zu denen er oft eine persönliche Beziehung hatte. Doch die Ausstellung zeigt auch andere Aufnahmen: So zum Beispiel Motive aus Geyers Tokio-Reise mit dem Titel “Die japanische Haut”. Oder die Fotos, die er für die Zeitung “Die Zeit” im Rahmen der Serie “Ich habe einen Traum” machte: Prominente Persönlichkeiten sind darauf mit geschlossenen Augen abgelichtet. So lassen sich etwa Gregor Gysi oder Klaus Wowereit beim Träumen zusehen. “Wir wollten damit auch die Entwicklung des Fotografen Nikolaus Geyer zeigen”, sagt Christin Müller vom Museum für Photographie Braunschweig.

Auffällig an Nikolaus Geyers Bildern ist, dass Personen und Hintergrund darauf oft gleich wichtig wirken – in jedem Foto scheinen sie eine Symbiose einzugehen. “Geyer hatte ein extrem gutes Auge für Bildkomposition”, so Müller. Schon deswegen sei die Ausstellung wichtig: Damit Talent und Werke des Fotografen nicht in Vergessenheit geraten. Die Vorbereitungen zur Ausstellung dauerten Jahre: 88 Bilder hatte Geyer ursprünglich in seinem Nachlass. 16 Negative waren nicht mehr aufzufinden, die Familie von Nikolaus Geyer überließ die anderen dem Museum. Jede einzelne Fotografie wurde dann von den Mitarbeitern eingescannt und digital aufpoliert. Zur Ausstellungseröffnung im April kam auch die Familie Geyer: “Die haben sich wahnsinnig gefreut, dass das Werk ihres Sohnes so geehrt wird”, so Museums-Mitarbeiterin Christina Müller. Auch im Gästebuch finden sich viele persönliche Noten von Menschen, die Nikolaus Geyer nahe standen. Besucher können sich vor Ort nicht nur über die Werke sondern auch über das Leben des Fotografen informieren.