Wieso die Einheimischen lieber im Ausland Urlaub machen

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220 Kilometer lang ist die Mittelmeerküste im Libanon – doch Hamsa al-Sis verbringt seinen Sommerurlaub lieber in Zypern. Denn die Strände seiner Heimat sind dem 23-jährigen Libanesen zu teuer und zu dreckig. Wo der Strandzugang nicht mit privaten Beachclubs zugebaut ist, verschmutzen Fabriken und Abwässer das Meer.

„Ich war fünf Tage in Zypern in einem Luxushotel und habe die Schönheit der zyprischen Küste genossen, sagt der Ladenbesitzer aus der Küstenstadt Sidon. „Für Flugticket, Hotel, Transport, Essen, Trinken, Clubs und Aktivitäten habe ich 1000 Dollar (891 Euro) bezahlt.“

An heimischen Stränden sei er schon Geld los, bevor er überhaupt ins Wasser gehe: Das beginne mit dem Parken. Dazu kämen Eintrittsgebühren nicht unter 30 Dollar sowie mindestens 40 Dollar für eine Mahlzeit. Al-Sis verbrachte nun schon zum zweiten Mal seinen Urlaub im nur 20 Flugminuten entfernten Zypern. „Ich konnte sogar noch Geschenke und Souvenirs für meine Familie mitbringen.“

Müllkrise weitet sich zur Staatskrise aus

Lara Aun bezahlte umgerechnet 445 Euro für fünf Tage Zypern. „Das Meer ist dasselbe wie im Libanon, aber dort sind die Strände sauber und gratis“, sagt die 34-Jährige. „Hier schwimmen wir entweder neben Flaschen und Dosen an den kostenlosen Stränden oder bezahlen ein Vermögen in den privaten Anlagen.“

AFPBlick auf die Küste der libanesischen Stadt Tabarja

Abfall im Wasser ist im Libanon ein alltäglicher Anblick. Seit Sommer vergangenen Jahres herrscht wegen krasser Fehlverwaltung eine Müllkrise, die sich zur Staatskrise ausweitete. Auch Abwässer fließen oft ungeklärt ins Meer. Zahlreiche Industrieanlagen entlang der Küste verschmutzten das Meer mit teils giftigen Stoffen, wie es in einem Bericht der Universität Balamand von 2012 hieß. Schon 2006 wurden nach der israelischenBombardierung eines Kraftwerks südlich von Beirut mehr als 150 Kilometer Küste durch eine Ölpest verunreinigt.

Meer und Verpflegung für 80 Dollar

Die Reiseveranstalter locken Kunden daher mit Charterflügen und All-Inclusive-Pauschalen ins Ausland. Ganz oben in der Gunst libanesischer Touristen steht nach Angaben des Reiseveranstalters Hassan Dahir dietürkische Küste mit Marmaris, Bodrum, Antalya und Alanya, gefolgt von Zypern und Scharm-el-Scheich in Ägypten. Zwischen Juni und September starten nach Angaben Dahirs durchschnittlich zehn Charterflüge pro Woche mit jeweils bis 190 Passagieren in die Urlaubsgebiete.

Doch nicht alle können sich Auslandsreisen leisten. In diesem Jahr waren trotz mangelnder Ausstattung die öffentlichen Strände in Tyros und Nakura im Süden übervoll. Sonnenanbeter haben zudem in Anfeh im Norden eine bezahlbare Alternative gefunden: dort dürfen zumindest Gäste der Strandcafés ins Meer. So wie Rose Matta und ihre Familie, die in einem weiß und blau gestrichenen Restaurant Platz genommen haben. „Woanders zahlen wir mindestens 80 Dollar Eintritt und weitere 80 Dollar fürs Essen. Hier können wir für nur 80 Dollar essen, trinken und das Meer genießen“, rechnet Matta vor.

Hunderte demonstrierten gegen Bebauung von öffentlichem Strand

Der Libanon sei „eines der wenigen Länder, das die private Bebauung seiner Küste erlaubt“, klagt Mohammad Ajub von der Nichtregierungsorganisation Nahnoo. „Öffentliche Strände im eigentlichen Sinne gibt es im Libanon nicht.“ Die meisten privaten Clubs wurden auf Grundstücken errichtet, die sich ihre Besitzer im Chaos des Bürgerkriegs zwischen 1975 und 1990 aneigneten.

Nach einem Bericht des Transportministeriums von 2012 sind inzwischen rund fünf Millionen Quadratkilometer Küste bebaut – meist illegal. Ajub macht Behörden und Politiker dafür verantwortlich und fordert eine Änderung des Gesetzes, das Investitionsprojekte an der Küste gestattet. Anfang September protestierten Hunderte gegen die Bebauung des öffentlichen Strandes Kfarabida. Unter dem Motto „Rettet unsere Strände“ forderten die Demonstranten die Umwandlung des Strandabschnitts in ein Naturschutzgebiet.