Das Band der Geschichten

Rafik Schami zählt zu den meistgelesenen deutschsprachigen Autoren. Und ein wenig schreibt er, der als junger Mann aus Syrien floh, immer auch seiner eigenen Sehnsucht hinterher. Nun wird er 70 Jahre alt.

Von Sonja Zekri
Chalil ist so eine Figur, ein Schüler im Christenviertel von Damaskus, der einfach mal sagt, wie die Dinge liegen. Der einen Aufsatz über ein Festmahl schreiben soll, und aufzählt, was passiert, wenn er seine Eltern fragt, was das ist, ein Festmahl: Wie die Mutter klagt, dass sie einen so armen Schlucker geheiratet hat, wie der Vater explodiert, er müsse ja ihre gefräßige Familie durchfüttern, wie Chalil schwört, er werde nie wieder nach einem Festmahl fragen, damit die Eltern sich nicht scheiden lassen. Chalils Mitschüler sind arm und abgerissen wie er, sie alle erkennen in dieser Geschichte den Streit in den eigenen Familien um das tägliche Brot. Geschrieben aber haben sie Fantasien über Pracht und Überfluss – so wie der Lehrer sie bestellt hatte. Chalil bekam eine Sechs. Am nächsten Tag kam er nicht mehr zur Schule.

Rafik Schami, 1946 als Sohn eines aramäischen Bäckers in Syrien geboren, beginnt mit dieser Geschichte sein vielleicht bekanntestes Buch “Eine Handvoll Sterne”, ein Kinderbuch. Heute ist er einer der erfolgreichsten Autoren Deutschlands, seine inzwischen 36 Bücher sind in 29 Sprachen übersetzt, sein Publikum ist voller zärtlicher Verehrung, aber die Frage, die Chalils Geschichte aufwirft, zieht sich durch sein Werk: Kann eine weiße Lüge das Leben nicht ein bisschen erträglicher machen? Nicht nur für den Erzähler, sondern auch – für seine Zuhörer?

Rafik Schami geht in seinen Büchern nicht so weit wie die Mitschüler von Chalil, dem Unglücksraben. Er beschreibt kein Festmahl, wo keines ist. Aber er macht den Hunger – die einengende Sippe, den spitzelnden Staat und heute den Krieg in Syrien – ein bisschen erträglicher. Natürlich liegt es auch daran, dass seine Figuren wie in seinem Opus Magnum “Die dunkle Seite der Liebe” zwar manchmal durch die Hölle gehen, geschlagen und verfolgt werden, für die Wahrheit, für die Ehre, vor allem aber: für die Liebe, aber die Erzählung, das Märchen, immer weiter geht. Schami tröstet seine Leser mit Hilfe des erzählerischen Prinzips schlechthin, durch ein ununterbrochenes Band an bemerkenswerten Ereignissen und wundersamen Wendungen, das den Abgrund der Wirklichkeit auf zauberhafte Weise überspannt.

Ein wenig schreibt er sicher seiner eigenen Sehnsucht hinterher, denn seit er 1971 über Beirut nach Heidelberg kam, hat er Syrien nicht mehr betreten, auch nicht, als er 2009 eine Einladung des Assad-Regimes bekam. Er, der als junger Mann namens Suheil Fadel floh und sich fortan Rafik Schami nannte, der “Freund Syriens”, wäre von der Propaganda wie eine Trophäe vorgeführt worden. In seinem jüngsten Buch “Sophia oder der Anfang aller Geschichten” lässt er immerhin seinen Helden heimkehren. Um ein Haar kommt er dabei um, gerettet einzig – und typisch für Schami – durch die Liebe.

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