Der Weg nach Deutschland führt über Beirut

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Die meisten syrischen Flüchtlinge sind nach Deutschland geflohen, also sind die deutschen Vertretungen im Nahen Osten für viele ihrer Angehörigen zu zentralen Anlaufstellen geworden.

Viele Diplomaten der deutschen Botschaft in Beirut müssen im Dreischichtbetrieb Akkordarbeit leisten, um alle Anträge zu bearbeiten.
Im ersten Quartal des Jahres 2016 wurden von der deutschen Botschaft in Beirut für Syrer knapp 2200 Visa erteilt.

Von Stefan Braun, Berlin
Die Schlangen sind lang, und sie wollen nicht enden. Jeden Tag warten Hunderte vor den Toren der deutschen Botschaft. Beirut war schon oft Sehnsuchtsort für Menschen im Nahen Osten. Mit dem Bürgerkrieg im Nachbarland Syrien hat das weiter zugenommen. Und seit sich im vergangenen Sommer Hunderttausende Syrer als Flüchtlinge Richtung Europa aufmachten, ist Berlins Botschaft in der libanesischen Hauptstadt überhaupt zum Fixpunkt aller Hoffnung geworden.

Der Grund ist einfach: Die meisten syrischen Flüchtlinge sind nach Deutschland geflohen, also sind die deutschen Vertretungen im Nahen Osten für viele ihrer Angehörigen zu zentralen Anlaufstellen geworden. Nur hier können sie Visa-Anträge zur Familienzusammenführung stellen. Und weil für die meisten Syrer der Weg nach Amman oder Bagdad wegen der Bombardements verstellt ist, bleibt fast nur noch Beirut, um sich nach sechs Jahren Krieg doch noch in Sicherheit zu bringen.

Für das Auswärtige Amt bedeutet das massive Zusatzanstrengungen bei Investitionen und Personal; bei vielen Diplomaten, die an der Beiruter Botschaft arbeiten, hat es dazu geführt, dass sie im Dreischichtbetrieb Akkordarbeit leisten müssen.

Betrüger verkauften Termine über das Internet

Kein Wunder, dass viele von ihnen seit Monaten stöhnen – und sich zugleich immer mal wieder gefährliche Gerüchte breitmachen. So ist unter syrischen Flüchtlingen in Deutschland zu hören, in Beirut herrsche Chaos. Außerdem müsse man viel Geld zahlen, wenn man einen Termin für eine Anhörung ergattern wolle. Im Herbst 2015 berichteten einzelne Medien gar, Korruption grassiere an der deutschen Botschaft.

Im Auswärtigen Amt widerspricht man dem mit aller Schärfe. Gleichzeitig verweisen hohe Beamte auf ein massives Problem, das man mittlerweile erkannt habe und bekämpfe. Es hieß, sogenannte Service-Agenturen würden sich den syrischen Bewerbern anbieten, indem sie Termine in der Botschaft organisierten. Man müsse für diesen Service halt etwas Geld bezahlen. Dies war in der Vergangenheit offenbar möglich; so sollen Betrüger die Chance genutzt haben, auch übers Internet Termine zu buchen, um sie dann gegen Bares anzubieten. Auf diese Weise konnte der Eindruck entstehen, Termine an der Botschaft würden gegen Bezahlung verhökert. Ein zusätzliches Sicherheitssystem mit strikten namentlichen Anmeldungen soll das inzwischen unmöglich machen.

Am großen Ansturm ändert das allerdings wenig. Noch immer können die Wartezeiten allein bis zur ersten Antragstellung Monate dauern; und das Gleiche kann sich bis zum abschließenden Bescheid über ein Visum wiederholen, wenn die Anträge nicht vollständig, also nicht mit allen nötigen Unterlagen gestellt werden. Das bestätigte jüngst auch die Spitze des Auswärtigen Amtes in der Antwort auf die schriftliche Frage der Bundestagsabgeordneten Franziska Brantner von den Grünen.

Aus dem Schreiben geht außerdem hervor, dass bis heute die Zahl der Anträge nicht gespeichert wird, nur die Zahl der bewilligten Visa. Aus diesem Grund weiß derzeit niemand verlässlich zu sagen, wie viele Syrer bereits in der Warteschleife eines Antrags stecken. Klar ist nur, wie viele Visa erteilt wurden. Im ersten Quartal des Jahres 2016 waren es in Beirut für Syrer knapp 2200; an den drei Auslandsvertretungen in der Türkei waren es zusammen 4300.

Prognose für Familiennachzug liegt bei mehreren Hunderttausend
Allerdings droht auch hier neues Ungemach. Wie deutsche Diplomaten berichten, erschwert die Türkei derzeit immer wieder jenen Syrern die Einreise, die für einen Antrag auf Familiennachzug Richtung Istanbul oder Ankara wollen. Das dürfte den Druck auf die Botschaft in Beirut weiter erhöhen.

Zumal niemand daran zweifelt, dass noch viele Syrer auf diesem Weg nach Deutschland und Europa streben werden. Das geht aus einer Prognose des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge hervor. Die Experten des Bamf rechnen mit mehreren Hunderttausend, nachdem sie genau studiert haben, welches Alter, welche Familienverhältnisse und welche Nachzugrechte die syrischen Flüchtlinge haben, die im vergangenen Jahr nach Deutschland kamen. Ergebnis: Sie rechnen damit, dass im Durchschnitt für jeden Syrer, der kam, noch mal einer kommen wird. Das bedeutet: Angesichts von knapp 430 000 syrischen Flüchtlingen im Jahr 2015 und gut 72 000 seit Jahresanfang liegt auch die Prognose für den Familiennachzug bei mehreren Hunderttausend Syrern.

Für die Botschaft in Beirut bedeutet das: noch mehr Arbeit und noch mehr Investitionen. Wie das Auswärtige Amt erklärte, arbeite man „mit Hochdruck an einem weiteren Ausbau der Kapazitäten“. Allerdings seien die Möglichkeiten dazu „an manchen Orten durch Räumlichkeiten und Sicherheitserfordernisse begrenzt“. Gemeint ist nicht zuletzt Beirut.

An den Schlangen vor der Botschaft wird sich deshalb so schnell nichts ändern. Und das, obwohl ein bisschen was schon erreicht wurde. Zu Beginn des Syrienkrieges 2011 schaffte die Botschaft gerade mal 6500 Visaentscheide im Jahr; mittlerweile sind es weit mehr als 30 000.