100 Jahre Sykes-Picot-Abkommen Wurzel des Nahostkonflikts

Mit ein paar Federstrichen zerstörten Briten und Franzosen vor hundert Jahren die Konfliktsicherungsmechanismen der Osmanen im Nahen Osten. Und legten damit den Grundstein für viele der Konflikte, die noch heute die Region und die Welt beschäftigen.

Dem britischen Premierminister Herbert Henry Asquith gefiel die Linie, die der junge Mark Sykes am Morgen des 16. Dezember 1915 eben auf der Landkarte des Nahen Ostens gezogen hatte. Schließlich brauche Großbritannien einen Deal mit Frankreich, und der könne so aussehen. Arthur James Balfour, der Marineminister, hatte gefragt, was Sykes den Franzosen denn genau geben wolle. Da zog dieser seinen Zeigefinger über die Karte, die vor ihnen auf dem Tisch lag, und sagte: „Ich meine, wir sollten die Linie von dem ,e‘ in Acre bis zum letzten ,k‘ in Kirkuk ziehen.“ Also von der Mittelmeerküste bis zur östlichen Grenze Mesopotamiens.

Asquith hatte an jenem Morgen drei Kabinettsmitglieder und den jungen Sykes, der seit 1911 konservativer Abgeordneter im Unterhaus war und in kurzer Zeit zum einflussreichsten Nahost-Berater der Regierung Seiner Majestät aufstieg, in die Downing Street 10 gerufen. Sykes war das jüngste Mitglied der Arbeitsgruppe, die Asquith am 8. April 1915 eingesetzt hatte, um Szenarien für die Zeit nach dem Untergang des Osmanischen Reichs aufzustellen und zu bestimmen, welche Provinzen sich Großbritannien einverleiben solle. In der nach ihrem Vorsitzenden Sir Maurice de Bunsen benannten Arbeitsgruppe war Sykes das aktivste Mitglied.
„Die Araber dort werden unter unsere Kontrolle kommen“

An jenem Dezembermorgen sollte Sykes dem Premier, Marineminister Balfour, Kriegsminister Lord Kitchener und Munitionsminister David Lloyd George vortragen, wie er sich nach dem Zerfall des Osmanischen Reichs eine Einigung mit Frankreich vorstellen könne. Die „blaue Zone“ nördlich der Linie solle an die Franzosen gehen, die „rote Zone“ südlich davon an Großbritannien. „Die Araber dort“, sagte Kitchener und deutete auf die „rote Zone“, „werden dann unter unsere Kontrolle kommen.“

Nun stand einer Einigung mit Frankreich nichts mehr im Wege. Seit dem 23. November 1915 hatte der französische Diplomat François George-Picot, der zuvor in Beirut Generalkonsul gewesen war, in der französischen Botschaft in London verhandelt. Erst mit dem Staatssekretär im Foreign Office, Sir Arthur Nicholson, dann übernahm Sykes. Bis zum 3. Januar 1916 einigte er sich mit Picot auf die Aufteilung der osmanischen Beute mit Frankreich und damit auf die Grenzen der Staaten in der Levante, die bis zum heutigen Tag Bestand haben. Am 16. Mai unterzeichneten der britische Außenminister Edward Grey und der französische Botschafter in London, Paul Cambon, die Vereinbarung, die wie keine andere in der Neuzeit die Geschichte des Nahen Ostens prägen und beeinflussen sollte.

Der Nahe und Mittlere Osten, wie wir ihn heute kennen, ist das Ergebnis der Entscheidungen der Kolonialmächte, die sie während des Ersten Weltkriegs und in den Jahren danach getroffen haben. Die Niederlage und der Untergang des Osmanischen Reichs waren ein Erdbeben, das die alte Ordnung völlig zerstörte. Mehrere Vereinbarungen zwischen 1915 bis 1922, von denen das Sykes-Picot-Abkommen die wichtigste war, sollten in diesem Vakuum eine neue Ordnung schaffen. In ihrer Summe seien sie aber ein „Friede, um allen Frieden zu beenden“ gewesen, so der Titel des Standardwerks des amerikanischen Historikers David Fromkin zu jener Zeit. Vor dem Ersten Weltkrieg sei die arabische Welt „schläfrig“ gewesen, schreibt Fromkin im Nachwort zur Neuauflage im Jahr 2009. Mit dieser neuen Ordnung sei sie jedoch mit „zunehmender Unordnung“ „turbulent“ geworden, so Fromkin.

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