Strategien gegen gewalttätigen Extremismus Allheilmittel Sufismus?

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Zur Bekämpfung der radikalen islamistischen Ideologie benötigt die Welt auch eine „weiche“ Strategie: Der Sufi-Islam kann dazu beitragen, die Herausforderungen durch Fanatismus, Fundamentalismus und gewalttätigen Extremismus zu bewältigen, meint der pakistanische Wissenschaftler Syed Qamar Afzal Rizvi.

Islamgelehrte und -wissenschaftler sind sich einig, dass der Sufismus ein wirksames Mittel gegen terroristische Ideen in den Köpfen von Fanatikern sein kann. Zu den klassischen Sufis der islamischen Welt zählen Jalāl ad-Dīn Rūmī, Omar Chayyām, Fariduddin Attar – dessen Geschichten später von Chaucer verwendet wurden – und der Spanier Avërroes, der „Kommentator“ des Philosophen Aristoteles.
Viele ihrer Ideen gelangten durch Kontakte zwischen der islamischen und der christlichen Welt nach Europa – sei es in den Kreuzfahrerstaaten, während der normannischen Epoche auf Sizilien oder auf der iberischen Halbinsel.
Von Beginn an baute der Sufismus zwischen den Gesellschaften zum gegenseitigen Vorteil Brücken. Im Westen beeinflusste der Sufismus so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Dag Hammarskjöld, Franz von Assisi, Sir Richard Burton, Cervantes und Winston Churchill.

Die sufistische Auslegung des Islam gilt im Vergleich zur politischen Auslegung als moderat. Sie konzentriert sich nicht auf den Staat, sondern auf die inneren Dimensionen des Islam und die Reinigung der Seele. Und doch erleben wir seit einigen Jahrzehnten, dass sich sogar die sufistisch geprägten Seminare der dominierenden politischen Auslegung des Islam anschließen.

Der politische Islam und die Wurzeln des Radikalismus
Alle islamistischen Terrororganisationen der Gegenwart wurzeln in der politischen Auslegung des Islam. Viele Muslime sind sich durchaus der kulturellen Dimension der Globalisierung bewusst. Sie meinen, dass aus dem Westen Werte, Vorstellungen und Lebensweisen in die eigenen Gesellschaften einsickern, die insbesondere die Jugend nachteilig beeinflussen. Zumindest empfinden sie einige offensichtliche kulturelle Einflüsse aus Musik, Tanz und Film als abträglich für die eigene Kultur und Identität.
Zwei wesentliche Trends zeichnen sich ab: Dominanz und Hingabe.
Dominanz ist zum Großteil negativ konnotiert. Muslime haben ein feines Gespür für Dominanz entwickelt und reagieren darauf sehr empfindlich oder auch aggressiv. Die historischen Umstände zur Entwicklung dieses Trends sind zwar nachvollziehbar, aber aus islamischer Sicht oder aus interkultureller Sicht gibt es heute keinen Grund mehr dafür.

Hingabe im Sinne der mystischen Hingabe an Gott ist zurzeit leider recht schwach ausgebildet. Einige Muslime meinen, dass man im Zuge der Globalisierung den Kern des Islam bekräftigen müsse. Ihn zeichne zwar Universalismus, Einschließlichkeit, Aufnahmefähigkeit, Änderungs- und Anpassungsvermögen aus, aber er müsse den Kern des Glaubens bewahren.
Mit anderen Worten: Glauben als etwas, das wahrhaft ökumenisch und universell ist. Dieser Trend hat zwar in nahezu allen muslimischen Ländern Anhänger, bleibt aber dennoch eine Randerscheinung.

Die Bombe entschärfen
Nukleare Abrüstung ist in aller Munde. Doch es gibt eine Bombe, die mächtiger ist als die Atombombe. Eine Bombe, deren Zünder mit jeder Sekunde weiter abbrennt. Die Bombe der „Gottlosigkeit“ oder „Verdammnis“. Wenn sich ein Mensch auf die niedrigste Entwicklungsstufe herablässt, wird er gefährlicher als jedes Tier. Hat ihn das Virus der „gegenseitigen Auflehnung“ infiziert, wird er zu einem gefährlichen Sprengsatz.
Der mystische Weg lädt uns ein, über die Entwaffnung der Menschen zu sprechen. Denn nur durch aktives Handeln können wir alle übrigen terroristischen Instrumente entschärfen. Erinnern wir uns an die weisen Worte von Jimi Hendrix:
„Wenn die Macht der Liebe über die Liebe zur Macht siegt, wird die Welt Frieden finden.“
Es ist an der Zeit, dass sich die Muslime weltweit zusammenschließen und sich einheitlich gegen die politische Auslegung des Islam stellen und diesen selbst reformieren. Auch müssen sie das System der religiösen Erziehung modernisieren, da es die Brutstätte aller terroristischen Organisationen ist.

Der islamistischen Ideologie müssen Muslime die friedliche und tolerante Auslegung des Islam entgegenstellen. Gemeinsam mit der internationalen Gemeinschaft müssen Muslime gegen eine politische Ideologie kämpfen, die ihnen selbst ein so beispielloses Leid zugefügt hat.

Heilung der Krankheit durch Diskurs zwischen Orient und Okzident
Extremismus lässt sich nicht über Nacht besiegen. Wir müssen eine generationenübergreifende Strategie entwickeln. Unsere Regierungen sind zwar in erster Linie zur Sicherheit verpflichtet, aber der bewaffnete Kampf gegen den Terror alleine kann niemals die einzige und ganze Antwort sein. In den laufenden Debatten über die richtige Reaktion auf den extremistischen Islamismus findet das umfassende und tiefgreifende Repertoire der sufistischen Philosophie nicht genügend Beachtung. Ebenso wenig wie seine Rituale oder künstlerischen Werke. Dabei waren die aufgeklärtesten Jahrhunderte der „muslimischen Zivilisation“ davon gekennzeichnet.
Die ersten Entgegnungen muslimischer Theologen auf die wortwörtlichen Auslegungen der Schriften haben die Reduzierung der religiösen Tradition auf einen einzigen Textkanon durch die Extremisten implizit hingenommen.

So löblich und nötig diese Entgegnungen sind, so irritiert es doch, dass der Großmufti von Ägypten extremistische Auslegungen der Koranverse mit dem Argument zurückweist, sie ständen nicht für den „wahren“ Islam. Als gebe es tatsächlich einen authentischen Weg, ein „wahrer“ Muslim zu sein.

Das Potenzial des Sufismus mag in dessen Fähigkeit liegen, Muslime (und Nichtmuslime) daran zu erinnern, dass der Islam seit fünfzehnhundert Jahren eine gelebte Erfahrung ist, mit all ihren kulturellen und intellektuellen Varianten. Insofern ist er viel mehr als die Wörter eines heiligen Textes. Es gibt weltweit 15 Millionen Sufis, mit Damaskus und der Umayyaden-Moschee als Hauptstadt bzw. Zentrum. Sie sollten in Schulen und Moscheen gefördert und weltweit die besten Sendeplätze in den Fernsehprogrammen erhalten.

Nötige Synergien
Es gibt drei wichtige Modalitäten. Erstens müssen wir begreifen, dass ein Kampf um Ideen geführt wird, die auf einer Perversion der Religion beruhen. In diesem Kampf der Ideen kann die einzige dauerhafte Lösung nur darin liegen, die Ideen selbst vollkommen zu verstehen, anzusprechen und herauszureißen. Zweitens benötigen wir in dem Wissen, dass hier eine ganze Generation herausgefordert ist, dringend eine Reform. Nur so vermitteln wir der nächsten Generation die nötigen Kenntnisse und Fähigkeiten, sich gegen extremistische Ideen zu wappnen.
Und schließlich dürfen wir nicht vergessen, wie wichtig der gemeinsame Kampf zur Bewältigung dieses Problems ist.
Die hiermit angesprochenen schwierigen und doch notwendigen Entscheidungen sind – ebenso wie die vorgestellten politischen Optionen – nicht unrealistisch und berücksichtigen das gesamte Spektrum der Herausforderungen. Wir müssen pragmatisch feststellen, was funktioniert. Und dort, wo etwas funktioniert hat, müssen wir es replizieren.
Zur Umsetzung von nachhaltigen Lösungen mit Kontinuität und Konsens ist schnelles strategisches Handeln gefragt. Terrorismus hat keine Religion. Die westlichen und östlichen Ausbildungssysteme müssen mit dem Credo des „sufistischen Islam“ erneuert werden, der für eine universelle Menschlichkeit eintritt.
Regierungen im Osten und im Westen werden intensiv daran arbeiten müssen, Koalitionen für diese Maßnahmen zu schmieden – nicht nur innerhalb der Gesellschaft, sondern auch regierungsübergreifend.
Die Vermeidung von Extremismus ist für die heutige und kommende Generation eine der größten Herausforderungen. Entweder, wir meistern die Herausforderungen und gehen geschlossen und entschlossen vor oder uns steht als globale Gemeinschaft eine sehr schwierige Zukunft bevor.