So tief soll Saudi-Arabien in die 9/11-Anschläge verstrickt sein

Kurz vor der Ankunft von US-Präsident Barack Obama in Saudi-Arabien eskaliert der Streit um ein Geheimdossier zu den Attentaten von 9/11. Die Saudis drohen, US-Wertpapiere in Höhe von 750 Milliarden Dollar zu verkaufen, falls der Bericht öffentlich werde. Bei den Angehörigen der Opfer wächst die Wut auf Obama, der die Veröffentlichung trotzdem verhindern will.

Das Geheimpapier, um das es geht, nennen die Amerikaner schlicht „28 pages“, 28 Seiten. Ein Mini-Dossier, das der damalige US-Präsident George W. Bush vom Inlandsgeheimdienst FBI und anderen Behörden anfertigen ließ. Das Papier legt dar, welche Personen in den USA die Entführer der Anschläge vom 11. September 2001 unterstützt haben. Seit 13 Jahren wird es in einem Hochsicherheits-Tresorraum in Washington unter Verschluss gehalten und darf nur von einer Handvoll auserwählter Personen eingesehen werden – unter strenger Bewachung und ohne die Möglichkeit, Notizen zu machen.
Bob Graham, demokratischer Ex-Senator und damals Mitglied einer Kommission, war einer der wenigen, die es lesen durften. 13 Jahre lang schwieg er wie alle anderen auch, die Einsicht hatten. Doch in einem Interview mit dem TV-Sender CBS hat er nun sein Schweigen gebrochen.

Al-Kaida-Terroristen offiziell in die USA eingereist
Im Mittelpunkt der Äußerungen von Graham stehen zwei der vier Flugzeugentführer von 9/11: Khalid al-Mihdhar und Nawaf al-Hazmi. Sie waren der CIA bereits als Al-Kaida-Mitglieder bekannt und 1999 in Kuala Lumpur observiert worden, bevor sie offiziell im Januar 2000 über Los Angeles in die USA einreisen konnten.

Tim Roemer, ehemaliges Mitglied der 9/11-Kommission, der ebenfalls Einsicht in das Dossier bekommen hatte, bekräftigte in der CBS-Sendung die Aussagen von Graham. So soll der saudische Diplomat den beiden Entführern in San Diego zum Beispiel eine Wohnung und Geld besorgt haben. Sie hätten die Entführer mit weiteren Personen bekanntgemacht, die sie dann später mit wichtigen Dokumenten wie Regierungs-Ausweisen versorgten und Zugang zu Flugstunden verschafften.
Die Aussagen von Graham und Roemer in der CBS-Sendung geben der These weiteren Auftrieb, die US-Regierung hätte in ihrem offiziellen 9/11-Abschlussbericht über die Verwicklung der Saudis zwar nicht gelogen, aber auch nicht die Wahrheit gesagt. „Wir haben keine Beweise gefunden, dass die saudische Regierung als Institution oder führende saudische Offizielle die Organisation finanziell unterstützt hat“, lautete der entscheidende Satz in dem Abschlussbericht dazu.
Erste Hinweise auf Verwicklung Riads schon im 9/11-Bericht
Schon in der Vergangenheit war heftig über bewusst offene gelassene Deutungsspielräume spekuliert worden. Das sieht auch Sean Carter so. Er ist einer der Anwälte, die in den USA bereits seit Jahren im Auftrag der Hinterbliebenen der 9/11-Opfer einen Prozess gegen das saudische Königreich anstreben. Gegenstand der Klage: die angenommene Unterstützung der Terror-Organisation Al-Kaida durch Saudi-Arabien. “Wenn sie sagen, dass keine Beweise für führende saudische Offizielle gefunden wurden, die Al-Kaida finanzierten, lässt das offen, ob das nicht auf Personen zutreffen könnten, die keine führenden Offiziellen sind“, sagte Carter in der CBS-Sendung.
Inzwischen finden sich im US-Kongress immer mehr Unterstützer, die für eine Veröffentlichung des Geheimdossiers stimmen. Gleichzeitig beobachten amerikanische Medien eine hartnäckige Lobbyarbeit der Obama-Administration unter den Kongressabgeordneten – mit dem Ziel, die Freigabe der Papiere zu verhindern. Als Grund führte das Weiße Haus zum Beispiel an, dass die Regierung bei einer möglichen Anklage Nachteile, Vergeltung und Restriktionen gegen Behörden und Bürger der USA im Ausland befürchtet, berichtet die “New York Times”.

Wut auf Obama: “Unglaublich, dass Regierung Saudis noch vor US-Bürgern schützt”
Für die Hinterbliebenen ist diese Haltung schwer zu ertragen. Und ihre Wut wuchs noch weiter an, als vor kurzem auch noch der saudische Außenminister Abdel al-Jubeir direkt in Washington gegen eine Veröffentlichung des Dossiers intervenierte. Al-Jubeir hatte der amerikanischen Regierung gedroht, Saudi-Arabien würde in diesem Fall sofort amerikanische Wertpapiere und Anleihen im Wert von mehr als 750 Milliarden Dollar verkaufen, um zu verhindern, dass diese im Fall einer Anklage des Königreichs von den amerikanischen Behörden eingefroren würden. „Es ist unglaublich, sich vorzustellen, dass unsere Regierung eher die Saudis als seine eigenen Bürger unterstützen würde“, zitierte die “New York Times” die Witwe eines Mannes, der bei den Anschlägen auf das World Trade Center ums Leben gekommen war.
Amerikanische Finanzexperten halten die Drohung der Saudis für einen Bluff, da ein kompletter Verkauf sehr schwer auszuführen sei und am Ende die Ökonomie des saudischen Königreichs zu stark lähmen könnte.
Die Reise von Barack Obama, der am Mittwoch in Riad erwartet wird, hat durch die Enthüllungen der CBS-Sendung jedenfalls zusätzlich an Brisanz gewonnen. Denn die Beziehungen zwischen den USA und Saudi-Arabien sind ohnehin schon angespannt. Grund dafür ist zum einen der internationale Machtgewinn des Irans auf internationaler Ebene. Seit die Mullahs ihre Nuklearanlagen wieder kontrollieren, fürchtet Erzfeind Saudi-Arabien, dass sie dem Königreich den Rang als wichtigster Unterhändler im Mittleren Osten ablaufen könnten. Zum anderen sind die USA nicht mehr so abhängig vom saudischen Öl, wie sie es noch waren, bevor mit dem Fracking begonnen wurde.